Transsexuelle Frau? Frau mit transsexueller Vergangenheit? Oder doch einfach nur Frau?

Ich werde oft angefeindet. Ich werde oft blöd angemacht. Ich werde oft hinterfragt. Ich werde oft diskriminiert. Ich werde oft als notgeiler Transvestit hingestellt. Ich werde oft, aufgrund meiner Transsexualität, beleidigt.

Du denkst jetzt sicher: “Ja, klar. Ist ja in der heutigen Gesellschaft leider normal”

Aber würdest du mir glauben, dass dies nicht von den Cis Menschen kommt, sondern eben von den Menschen mit trans* Hintergrund oder Vergangenheit? Von den Menschen, denen ich helfen möchte?

Es ist leider so.


Unterhalte ich mich mit “normalen” cis Menschen, also Menschen, die mit Transsexualität nichts am Hut haben, so ernte ich Respekt. Man spricht mir Bewunderung aus und man sagt, wie toll man es findet, dass ich mich hinstelle und für meine Mitmenschen einstehe. Man sagt mir, dass es notwendig ist und gut ist. Man sagt mir, ich mache genau das Richtige und man findet meine Arbeit gut und toll. Und man dankt mir, dass ich so offen bin und dieses Thema verständlich an die breite Öffentlichkeit bringe.

In den sozialen Medien aber, ernte ich immer öfter Kritik, Unverständnis, ja sogar Beleidigungen. Ich werde als notgeiler Transvestit hingestellt, man behauptet, meine Transsexualität sei für mich ein Fetisch, man sagt mir auf den Kopf zu, dass ich mit meinem Tun und meiner Offenheit schade und nichts Gutes bewirke. Man sagt sogar, dass ich den Menschen, denen ich helfen will, am meisten schade, weil ich nicht fähig sei oder es gar einfach nicht wert sei, andere zu beraten. Man droht sogar der dgti e.V. mit Anzeige, weil ich im Namen der dgti e.V. als Beraterin tätig bin, bzw. war (Inzwischen bin ich es nicht mehr, aus eigener Entscheidung heraus).

Und von wem kommt das? Das kommt von selbst ernannten Feminist*innen und Aktivist*innen, die ihre Transsexualität leugnen und ihr Leben als normale Frau oder Mann leben wollen!

Es kommt von transsexuellen Menschen… und nur von diesen!

Was ist der Grund dafür und wieso provoziere ich genau das immer und immer wieder?

Transsexuelle Menschen möchten von der Gesellschaft als ganz normale Frauen und Männer anerkannt werden. Transsexuelle Menschen möchten nicht als transsexuell abgestempelt werden. Sie möchten nicht in diese Schublade gesteckt werden. Soweit klar und absolut verständlich.

Dieser Tatsache gegenüber, stehen aber verschiedene Probleme, auf die wir trotzdem auch aufmerksam machen möchten:

Da wäre das leidige Transsexuellengesetz, die Gutachtenpflicht, die Fremdbestimmung, Konversionstherapien, Diskriminierungsschutz, und und und…

Nun stelle dir doch einmal vor, eine ganz normale Frau oder ein ganz normaler Mann, ohne transsexuellem Hintergrund, stünde sich hin und brüllt der Gesellschaft zu: “Achtung, Achtung: Da sind ganz normale Frauen und Männer, die verlangen von Euch anerkannt zu werden. Sie verlangen von Euch die Änderung eines Gesetzes. Sie verlangen von Euch ein Ende der Fremdbestimmung und der Gutachtenpflicht!”

Wie viel Erfolg hätte das wohl? Was wäre die Folge? Richtig, man würde sich halbwegs lächerlich machen.


Es braucht Aktivisten und Aktivistinnen!

Es braucht Menschen, die sich hin stellen und von sich sagen: “Ich bin transsexuell! Ich bin betroffen! Ich habe das erlebt! Ich will, dass es meinen Mitbetroffenen nicht so ergeht wie mir! Ich will, dass sich etwas ändert!!!”

Und genau das tue ich. Genau hier komme ich ins Spiel. Genau hier kommen ich und einige andere ins Spiel, die es sich auf die Fahne geschrieben haben, etwas verändern zu wollen!

Es bringt überhaupt nichts, sich zu verstecken und ein Leben als “normale” Frau leben zu wollen, wenn man etwas ändern will! Wenn man laut sein will und die Gesellschaft zu einer Änderung bringen will, muss man sich auch hinstellen und dafür einstehen und sich entsprechend als Betroffene*r präsentieren. Sonst verhallt der Ruf ungehört und man macht sich lächerlich!

Vorgestern, am 07. September 2019,  fand der 1. Trans Pride in Stuttgart statt.

Ganz viele Menschen mit transsexuellem Hintergrund oder auch Vergangenheit, stellten sich hin, demonstrierten durch die Straßen von Stuttgart und machten einen Heidenlärm!

Michelle und ich waren ganz vorne dabei und führten die Demonstration an.

Es war eine grandiose Sache, eine tolle Demonstration und eine fantastische Veranstaltung! Endlich war der Fokus wirklich nur auf uns transsexuellen Menschen! Endlich konnten wir richtig, laut und durchdringend für unsere Rechte einstehen! Endlich waren wir wirklich sichtbar!

Um etwas zu bewegen und zu ändern, muss man sichtbar sein! Man muss sich hinstellen und schreien: “Ja, ich bin transsexuell, na und???”

Denn nur dann macht man wirklich auf sich aufmerksam und nur dann wird dieses “Na und?” auch hinterfragt!


Ja, ich bin eine Frau!

Natürlich bin ich eine Frau!

Aber ich bin eben auch eine Frau mit transsexueller Vergangenheit! Ich habe eine Vergangenheit, die sehr schwer war und die mir einiges abverlangt hat. Eine Vergangenheit, die mich mehrmals beinahe umgebracht hätte!!! Und genau das ist es, worauf es ankommt! Genau das ist es, was man der Gesellschaft zeigen muss! Genau das ist es, was zum Nachdenken anregt!


Liebe Menschen!

Liebe Mitmenschen mit transsexuellem Hintergrund oder transsexueller Vergangenheit!

Stellt Euch hin, seid laut und schämt Euch nicht für eure Transsexualität! Schämt Euch nicht, sondern seid stolz auf das, was ihr seid, was ihr geschafft habt und was ihr geleistet habt!

Stellt Euch hin und brüllt für Eure Rechte! Stellt Euch hin und zeigt der Öffentlichkeit, dass wir eben nicht die perversen Monster sind! Stellt Euch hin und zeigt der Gesellschaft, dass ihr für Eure Rechte einzustehen gedenkt!

JEDE*R IST ES WERT!

Jede*r von Euch ist es wert, dass man um Euch kämpft und Euch unterstützt! Jede*r von Euch ist es wert, wertgeschätzt zu werden und geachtet zu werden!

 

 

Danke fürs Lesen.

Eure Christin

 

 

 

 

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Über Christin Löhner 114 Artikel
Christin Löhner ist selbst eine Frau mit transsexueller Vergangenheit. Vergangenheit deshalb, weil sie sämtliche Operationen hinter sich hat und ganz im weiblichen Körper angekommen ist. Sie ist die Gründerin und Leiterin der einzigen Selbsthilfeinitiative zum Thema Transsexualität im Bereich Hegau, Schwarzwald-Baar-Kreis, Allgäu und Bodenseekreis, der Trans* SHG Hegau. Sie ist Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V. und begleitet und berät weit über hundert transsexuelle Menschen Deutschland weit mit Tipps und Infos zum Passing, zur Rechtslage, zum Transsexuellengesetz, den Operationen, sowie Mode- und Stilberatung und Makeup-Workshops. Durch ihre Arbeit und ihr soziales Engagement, ihre Vorträge und Seminare zum Thema geschlechtliche Vielfalt, Transsexualität, Transphobie, Toleranz, Mobbing und Diskriminierung an Unis, Schulen und sozialen Einrichtungen, versucht sie sich für ihre Mitbetroffenen einzusetzen und stemmt sich vehement gegen Ungerechtigkeit, Mobbing und Diskriminierung. Auch mit Dokumentationen im Fernsehen, Zeitungen und Radio setzt sie sich immer wieder für die Rechte von transsexuellen Menschen ein und klärt die Öffentlichkeit über dieses Thema auf. Bloggerin, Webentwicklerin, Linux- und Serveradmin, Coffee Junkie, Trans*Beraterin, Trans*Begleiterin, Transgender, Transfrau, MzF

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