Mutmacher! Sollte ich diesen Weg gehen? Was ist mit meiner Frau, meinen Kindern?

Mutmacher
(nein, hier gibt’s keinen Schnaps!)
 
Immer wieder bekomme ich mit, wie trans* Personen sich selbst fertig machen, weil sie sich nicht trauen den Weg zu gehen. Vielleicht ist da eine Ehefrau, die man nicht vor den Kopf stoßen will, eine Freundin oder ein Freund, den man nicht verlieren will. Vielleicht sind da Kinder und man hat Angst ob die damit zurecht kommen…
 
Ich aber sage Euch: Geht Euren Weg! Jede von uns hatte oder hat ihre/seine Probleme! Und diese gilt es zu überwinden! Lasst Euch nicht aufhalten! Es geht hier um Euch, es geht um DICH! Du musst glücklich werden! Du musst dich in deinem Körper wohl fühlen!!!
 
Nicht umsonst besagt eine offizielle Statistik, dass 33% aller trans* Menschen schon einen ernsthaften Selbstmordversuch hinter such haben! Ein Drittel aller trans* Menschen!!!
 
Auch ich hatte so meine Probleme… Hier mal ein kurzer Auszug, der auch in meiner Autobiographie nachzulesen ist:

 
Ich wurde in Berlin geboren und mit einem halben Jahr vom Jugendamt meinen Eltern weggenommen und kam in ein Kinderheim. In diesem Kinderheim wurde ich geschlagen, heulend und schreiend stundenlang ignoriert und habe dann zur Strafe kein Essen bekommen.
Mit 4 Jahren wurde ich dann adoptiert.
 
Aufgrund meiner Transsexualität und meinem daraus resultierenden, sehr weiblichen, beinahe schon schwulen Verhalten und auch meinen doch eher weiblichen Outfits (Skinny Jeans, Sneaker, lange Haare bis zum Arsch runter, etc…) wurde ich extrem viel gemobbt und war extrem introvertiert, zurückgezogen, ängstlich und ohne jegliches Selbstbewusstsein.
 
Mein Notendurchschnitt ging runter und aufgrund meiner extremen Zurückgezogenheit, dem fehlenden Selbstbewusstsein und auch wegen des selbstverletztenden und aggressiven Verhaltens, wurde ich in meiner Kindheit zu vielen Psychologen und Psychiatern geschickt.
 
Mit 14 war ich auf einem Schüleraustausch in Frankreich für ein halbes Jahr. Während dieser Zeit in Frankreich, hatte ich meinen allerersten Sex und das auch noch mit einem mir völlig fremden, deutlich älteren Mann, er war so um die 30. Damals saß ich, schon seit gut anderthalb Stunden auf einer Parkbank, habe Musik gehört und vor mich hin geträumt, als plötzlich dieser Mann kam, sich neben mich setze und anfing mit zu betatschen… Ich hätte aufstehen können, mich wehren können, weglaufen können. Aber ich tat nichts dergleichen.
 
Nach etwa einer halben Stunde ist er aufgestanden und hat mir die Hand gereicht… und ich bin halt mitgegangen. Da war keinerlei Zwang dabei und ich war völlig unfähig, mich dem zu widersetzen. Es folgten zwei Stunden echter Sex, mein erster Sex überhaupt.
 
Mit 18 bin ich dann von Zuhause abgehauen, weil ich es einfach nicht mehr ausgehalten habe und mein Leben leben wollte. Damals bin ich nach Ulm gekommen, wo ich ganz fürchterlich abgestürzt bin. Ich wurde Drogen abhängig, habe alles genommen, außer Heroin, also auch gekokst, LSD, Crack, etc… und ich habe mit ungefähr vier Jahre lang prostituiert, war Stricher, habe alles mit mir machen lassen, solange ich Geld dafür bekommen habe.
 
Dann, mit 22 oder 23 habe ich mich selbst aus diesem Sumpf wieder hervor gekämpft. Habe einen kalten Entzug gemacht, eine Lehre angefangen und auch abgeschlossen.
 
Während dieser Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann, wurde ich dann zweimal innerhalb eines halben Jahres aufs brutalste von drei Männern gleichzeitig vergewaltigt.
 
Das wäre damals fast mein Tod gewesen, denn natürlich hatte ich damals – und auch schon davor – zahlreiche Selbstmordversuche. Trotzdem habe ich dann die Lehre erfolgreich abgeschlossen, nachdem ich sogar das zweite Lehrjahr übersprungen habe.

 

Heute habe ich einen Sohn, der kein Problem damit hat und eine ganz liebe Ehefrau, die mich bei allem unterstützt, was auch immer ich mir vorgenommen habe, so wie auch ich sie unterstütze, egal, was da kommen mag!

Man muss zu sich selbst stehen und das durchziehen!! Und dabei darf man auch “über Leichen gehen”. Es geht hier um Dein Leben, um Dein Glück und um Deine innere Zufriedenheit! Eine Frau, Freundin, Ehemann oder Freund, die/der das nicht akzeptiert und wohl auch nie akzeptieren will, darf Dich dabei nicht behindern oder beeinflussen. Du musst Deinen Weg gehen! Basta. Lass dich nicht aufhalten!!!!
 
Nur dann kannst Du auch glücklich werden!
 

So, wie ich endlich glücklich bin!!!

 

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Über Christin Löhner 114 Artikel
Christin Löhner ist selbst eine Frau mit transsexueller Vergangenheit. Vergangenheit deshalb, weil sie sämtliche Operationen hinter sich hat und ganz im weiblichen Körper angekommen ist. Sie ist die Gründerin und Leiterin der einzigen Selbsthilfeinitiative zum Thema Transsexualität im Bereich Hegau, Schwarzwald-Baar-Kreis, Allgäu und Bodenseekreis, der Trans* SHG Hegau. Sie ist Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V. und begleitet und berät weit über hundert transsexuelle Menschen Deutschland weit mit Tipps und Infos zum Passing, zur Rechtslage, zum Transsexuellengesetz, den Operationen, sowie Mode- und Stilberatung und Makeup-Workshops. Durch ihre Arbeit und ihr soziales Engagement, ihre Vorträge und Seminare zum Thema geschlechtliche Vielfalt, Transsexualität, Transphobie, Toleranz, Mobbing und Diskriminierung an Unis, Schulen und sozialen Einrichtungen, versucht sie sich für ihre Mitbetroffenen einzusetzen und stemmt sich vehement gegen Ungerechtigkeit, Mobbing und Diskriminierung. Auch mit Dokumentationen im Fernsehen, Zeitungen und Radio setzt sie sich immer wieder für die Rechte von transsexuellen Menschen ein und klärt die Öffentlichkeit über dieses Thema auf. Bloggerin, Webentwicklerin, Linux- und Serveradmin, Coffee Junkie, Trans*Beraterin, Trans*Begleiterin, Transgender, Transfrau, MzF

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