Essai: Wie gefährlich ist Transsexualität?

Das ich heute noch am Leben bin grenzt an ein Wunder und für jeden Tag den ich noch erleben kann bin ich dankbar. Vor vier Jahren sah die Welt für mich noch ganz anders aus. Damals war ich verzweifelt, körperlich am Ende und litt unvorstellbare Qualen. Kaum einer wusste von diesem Leiden, nicht einmal meine engsten Freunde, und das, obwohl ich daran fast gestorben wäre.

Im Herbst 2015 schrieb ich folgende Sätze nieder:

„Dieses Leid ist allgegenwärtig, lässt meinem Geist nie in Ruhe und quält mich im jedem Augenblick meines Daseins. Die Last die ich im Stillen zu tragen habe ist unerträglich und drückt mich mehr denn je zum Abgrund des Todes.“

Fast wären diese Sätze Bestandteil eines Abschieds geworden, doch ich entschloss mich damals zu kämpfen, nicht aufzugeben und trotz aller Widrigkeiten mir Hilfe zu suchen. Obwohl ich viel Unterstützung erfahren habe, wurde ich auch von anderen Menschen verhöhnt, beschimpft und bedroht. Lediglich, weil ich bin was ich bin. Für mich ist es noch zum Guten verlaufen, sonst könnte ich heute diesen Text nicht schreiben. Seit einigen Monaten bin ich nahezu beschwerdefrei und dass zum ersten Mal seit meiner Geburt. Hätte man mir die medizinische Hilfe verweigert, so wäre ich mit Sicherheit heute nicht mehr am Leben.

Doch was ist dieses Leiden und was macht es so gefährlich?

Und schon hier fängt das Problem an. Ich schreibe über körperliche Symptome die so selten sind, dass es hierfür keine wirklich passenden Worte in unserer Sprache gibt. Wenn ich über Durst schreibe, dann weißt du sicherlich was damit gemeint ist, schließlich ist Durst ein Bestandteil deiner körperlichen Wahrnehmung.

Um meine Problematik besser zu veranschaulichen möchte ich dich zu einen Gedankenexperiment einladen. Stell dir vor, dass du unter einer Krankheit leidest bei der du immer durstig bist, ganz egal wie viel du trinkst. Und du hast immer richtigen heftigen Durst, so stark, dass es dir nicht nur unangenehm ist, sondern schon fast unerträglich. Um noch eine Schippe oben drauf zu legen, spinnen wir diesen Gedanken noch weiter und tun so, als würdest du in einer Welt leben, in der Durst etwas so seltenes ist, dass es hierfür weder ein Wort gibt und andere Menschen sich darunter nichts vorstellen können.

Wie würdest du dein Leid des permanenten Durstig-Seins anderen Menschen mitteilen?

Nimm dir wirklich einen kurzen Augenblick Zeit um über diese Frage nachzudenken!

Wahrscheinlich würdest du anderen Menschen sagen: „Ich habe das Verlangen ständig etwas zu trinken.“, oder so etwas in der Art. Doch ist das Verlangen nach trinken gleich Durst? Nein, ist es nicht.
Man kann aus unterschiedlichsten Gründen trinken. Menschen trinken auch aus Gewohnheit oder weil es gut schmeckt, mitunter auch um sich mit bestimmten Getränken zu berauschen. Doch ist Gewohnheit, Appetit und Lust das gleich wie Durst? Nein, auch das ist es nicht?

Die Menschen in diesem Gedankenexperiment würden dein Leiden höchst wahrscheinlich nicht ernst nehmen. Sie würden dir wohl so etwas sagen: „Hey, nun stell dich doch mal nicht so an, wir alle trinken nun mal.“; oder vielleicht auch sowas: „Du bist doch nicht richtig im Kopf.“
Diese Menschen würden deine Symptome nicht ernst nehmen, sie würden dir unterstellen, dass es etwas Psychisches sei. Man würde dich zu einem Psychologen schicken, obwohl du körperlich leidest.

Verstehst du was der Unterschied ist zwischen einem körperlichen Symptom und einem psychischen Problem? Natürlich können körperliche Beschwerden auch zu psychischen Problemen führen, darauf gehe ich gleich noch näher ein.

Da es für mein Leiden kein passendes Wort gibt verwende ich in diesem Essai den Begriff Transsexualität, da dieser Begriff dem von mir beschriebenen Phänomen am nächsten kommt. Leider wird es jetzt noch komplizierter, aber auch darauf muss ich hinweisen. Es gibt nicht die eine Transsexualität! Wenn ich von Transsexualität spreche, dann spreche ich von körperlichen Symptomen. In Gesprächen mit anderen Menschen, die unter Transsexualität leiden, hat sich heraus kristallisiert, dass die Symptome von Mensch zu Mensch ganz unterschiedlich sind. Was schließlich auch nicht verwunderlich ist, schließlich kennt man auch bei Menschen mit Intersexualität über 400 verschiedene Varianten in der Körperentwickelung. Ebenso wird es bei Transsexualität ebenso viele verschiedene Varianten geben, nur dass hier die Ursachen kaum bis noch überhaupt nicht erforscht sind. Hinzu kommt noch, dass sobald eine organische Ursache für Transsexualität gefunden wird, dies nicht mehr als Transsexualität angesehen wird, sondern wird dem Begriff Intersexualität untergeordnet. Da ich mich ausschließlich auf körperliche Symptome beziehe, hat Transsexualität in meinen Kontext auch immer eine organische Ursache. Wenn es keine organische Ursache hat, dann ist es auch keine Transsexualität. Somit hat der von mir verwendete Begriff nichts zu tun mit der Kleidung die ein Mensch gerne trägt, seinen Hobbys, seiner Identität oder sonstigen Geschlechterstereotypen.

Folgenden Absatz schreibe ich hier, um einige dumme Kommentare zuvor zu kommen. Ich habe da so meine Erfahrungen mit einigen Spezialisten. Sicherlich wird es auch einige geben, die sagen: „Ja, aber ich habe keine körperlichen Symptome, mir ist es wichtig, welche Kleidung ich trage und mit welchen Geschlecht ich mich identifiziere.“ Ja, dann haben diese Menschen keine körperlichen Symptome. Na und, dann ist es so. Dann ist das etwas anderes.

Auch interessant sind jene Menschen, welche mir sagen, wenn ich über meine Symptome spreche, dass sie da eine andere Ansicht haben. Alles schon (mehrfach) erlebt. Jene Menschen mögen kurz in sich gehen und sich folgende Situation vorstellen: Angenommen ihr habt Kopfschmerzen, teilt dies einen anderen Menschen mit und dieser erwidert euch: „Also ich sehe das anders.“

– Ruhig durchatmen – Es passiert immer und immer wieder. Jedenfalls Menschen, welche über ihre Transsexualität sprechen. Was antwortet man solchen Zeitgenossen darauf?

Und hier kommen wir schon zum nächsten Problem. Nicht nur, dass es den Betroffenen kaum möglich ist, die körperlichen Symptome anderen Menschen mitzuteilen, kann Transsexualität nicht von außen nicht diagnostiziert werden. Es ist unmöglich!

Ob ich Durst habe, das kann ich nur selber wissen. Der Arzt kann vielleicht feststellen ob ich einen Flüssigkeitsmangel habe oder nicht, jedoch kann er nicht wissen ob ich Durst habe. Ich kann genügend Flüssigkeit zu mir genommen haben und dennoch durstig sein, oder einen Mangel haben ohne durstig zu sein. Genauso ist es auch mit Kopfschmerzen oder Tinnitus. Auch hier kann dir kein Arzt sagen, ob du Kopfschmerzen hast oder nicht, dass kannst du nur selber wissen. Natürlich muss man auch körperliche Symptome, für die sich keine Ursache finden lässt ernst nehmen und nach besten Gewissen behandeln. Ein Arzt, welcher die Symptome seiner Patienten nicht ernst nimmt oder gar leugnet, handelt nicht nur fahrlässig, sondern auch höchst unethisch.

Wenn ich jetzt über Transsexualität spreche, so kann ich nur über jene Variante sprechen unter jener ich selber litt. Sicherlich gibt es auch bei anderen Überschneidungen, genauso wie es Unterschiede gibt. Aufgrund meiner eigenen Entwicklung wird der Fokus bei der Problematik in der medizinischen Versorgung mehr bei den Frauen liegen.

Wenn jemand nicht weiß was Durst ist, so kann ich diesen nicht erklären, woran ich merke, dass ich durstig bin. Sicherlich könnte ich so etwas sagen, dass ich einen trockenen Mund habe, aber dies ist nicht unbedingt typisch für Durst, sondern eher ein Zeichen, dass man schon am verdursten ist. Genauso verhält es sich mit Transsexualität. Dass ich es habe, weiß ich, da ich die Symptome spürte (vor OP), jedoch wird dies ein Mensch nicht verstehen können, welcher keine Transsexualität hat. Andere Menschen müssen dieses Phänomen nicht verstehen, es ist nur wichtig, dass sie wissen, dass es das gibt. Am besten könnte ich die Symptome so beschreiben, ohne in die Details zu gehen: „Das was ich hatte, habe ich nicht gespürt. Und das, was ich gespürt habe, dass hatte ich nicht.“ Dies war schon immer so und ist nicht plötzlich irgendwann gekommen. Daher gehe ich davon aus, dass die Variante, an der ich litt angeboren ist. Als Kind hatte ich nicht nur keine Worte dafür, sondern auch keine Referenz. Ich wusste, dass etwas mit meinen Körper nicht stimmte, wusste, dass ich irgendwie anders bin, doch konnte ich mir selbst keinen Reim daraus machen. Es hatte nichts damit zu tun, welche Kleidung oder welches Spielzeug ich bevorzugte, als Kind war mir dies eigentlich egal. Doch bereits in der Kindheit empfand ich aufgrund der körperlichen Symptome ein starkes Ekelgefühl vor meinen eigenen Körper.

Mit eintreten der Pubertät, war das Leben für mich nur noch die Hölle. Zu diesem Zeitpunkt war mir bereits bewusst, dass ich weiblich bin, jedoch war ich da bereits soweit konditioniert, zu wissen, dass Menschen wie ich in unserer Gesellschaft geächtet sind. Ich hatte panische Angst, dass irgendwer heraus findet, dass ich in Wahrheit ein Mädchen bin, so dass ich mich niemanden anvertraute. Zu jener Zeit wünschte ich mir bereits medizinische Hilfe, wusste jedoch damals nicht, dass es dies auch wirklich gibt. Man war zu dieser Zeit alleine mit diesem Problem. Hinzu kam, dass ich aufgrund meiner Andersartigkeit in der Schule massiv gemobbt wurde. Doch das schlimmste war es, mit erleben zu müssen, wie sich der eigene Körper immer mehr in die falsche Richtung entwickelt. Wenn ich wieder zwölf Jahre alt wäre, so würde ich mir mit meinem heutigen Wissen die Hoden selbst aus dem Körper heraus schneiden, die Schmerzen (und ich weiß was Schmerzen sind) können nicht ansatzweise so schlimm sein, als eine falsche Pubertät durchleben zu müssen.

Mit jedem Jahr, in dem mein Körper weiter vermännlichte, wurde meine Situation für mich hoffnungsloser. Die Vorstellung einiger Ärzte eine Frau könnte sich mit einen vermännlichten Körper versöhnen ist absurd. Teilweise glaubt man dies in jungen Jahren womöglich noch selbst, so nach dem Motto: „Jetzt ist es eh zu spät, ich sollte mich damit abfinden.“ Jeden Tag den man auf diese Weise verliert, wird man später bereuen. Denn Transsexualität verschwindet nicht einfach irgendwann. Im Gegenteil, je mehr die Vermännlichung voran schreitet umso schlimmer das Leiden. Es ist nicht unüblich, dass man sich Stück für Stück aus den sozialen Leben zurück zieht und zunehmend immer depressiver wird. Ein zu hoher Testosteron-Wert richtet im Körper einer Frau immense Schäden an. Je später die medizinische Versorgung erfolgt, je geringer der Behandlungserfolg. Mit den Folgeschäden einer zu späten medizinischen Versorgung bleiben die Frauen oft allein, da diese zu einem Großteil nicht von unserem Gesundheitssystem getragen werden, und viele auch irreversibel sind. Nicht nur das bei vielen Frauen dann der körperliche Leidensdruck für den Rest ihres Lebens bestehen bleibt, auch sind diese Frauen dann in der Öffentlichkeit aufgrund ihrer vermännlichten Merkmale gebrandmarkt, was diese dann wiederum oft zum Ziel von Ausgrenzung, Diskriminierung und Hassverbrechen macht. Wird Menschen mit Transsexualität der Zugang zur medizinischen Versorgung verwehrt, dann verläuft die Transsexualität in vielen Fällen tödlich.

Bei einer Umfrage aus dem Jahr 2011 mit mehr als über 6.000 Teilnehmern, gaben über 40 % an, bereits versucht zu haben, sich das Leben zu nehmen. Wahrscheinlich haben die meisten Betroffenen schon einmal über einen Suizid nachgedacht. Der Hauptgrund ist hier vor allem mangelnde medizinische Versorgung, Diskriminierung und Gewalt. Und in dieser Statistik sind lediglich jene, welche überlebt haben. Jene, welche an den Folgen gestorben sind, können an keiner Befragung teilnehmen und werden auch nie in einer Statistik auftauchen.

Ich wage es zu behaupten, anhand meines eigenen Leidensweges, dass der Großteil aller Betroffenen gestorben ist, ohne sich jemals im Leben gegenüber anderen Menschen geoutet zu haben. Allein in der BRD müssen wir von zehntausenden Todesopfern ausgehen, wenn nicht sogar mehr. Was ich besonders schlimm daran finde und was mich so wütend macht, ist, dass eigentlich niemand mehr an Transsexualität sterben müsste. Aber anstatt den Betroffenen zu helfen, wird heute wieder gegen diese gehetzt und sie werden für ihr Leid auch noch verhöhnt.

Nach wie vor sterben Menschen aufgrund von Unwissenheit, Vorurteile und Intoleranz.

Habt ihr jemals einen Arzt in einer Fernsehsendung gesehen, welcher behauptet hat, Krebs sei nur eine Modeerscheinung, weil man heute viel mehr von Krebserkrankungen hört. Nein? Würde ein solcher Arzt ethisch handeln, oder würde dieser Arzt nicht viel mehr das Leid von Betroffenen verharmlosen? Die Antwort auf diese Frage ist eigentlich sehr eindeutig.

Über Menschen mit Transsexualität werden ständig von Ärzten in den Medien solche Aussagen getroffen. Mit fatalen Folgen. Betroffene werden mitunter durch solche Berichte eingeschüchtert und haben Angst davor sich medizinische Hilfe zu suchen. Diese Ärzte nehmen fahrlässig den Tod von Patienten in Kauf, nur weil ihre Existenz nicht in ihr Weltbild passt. Vor meinem Outing habe ich etwa acht Jahre lang keinen Arzt aufgesucht, nur weil andere Menschen mir einredeten, auch wenn es ihnen nicht bewusst war, dass mein Leid nichts Natürliches ist.

Wer Transsexualität als eine Art Lifestyle oder Modeerscheinung darstellt, verhöhnt nicht nur die Betroffenen, sondern gefährdet auch Menschenleben.

Natürlich ist der Anteil von Menschen mit Transsexualität bei Jugendlichen größer als bei älteren Generationen. Und ist darüber irgendjemand verwundert???

Wie ich bereits schrieb, verläuft Transsexualität ohne medizinische Versorgung oft tödlich. In meiner Jugend gab es keine Aufklärung. Man war mit diesem Problem allein. Wie und wo man medizinische Hilfe bekommen konnte, wussten die wenigsten. Die Angst vor Ausgrenzung und Gewalt war groß und auch berechtigt. Mit anderen Worten; der überwiegende Teil aller Menschen mit Transsexualität die im gleichen Jahr wie ich geboren wurden sind bereits gestorben. Gestorben, weil Transsexualität gesellschaftlich geächtet ist und der Zugang zur medizinischen Versorgung früher für viele nicht erreicht werden konnte. Wie viele es sind, werden wir nie erfahren, doch ich bin zutiefst davon überzeugt, dass es so ist. Erst durch die Verbreitung des Internets konnten sich Betroffene austauschen, merkten, dass sie nicht alleine waren, fanden Informationen, wo man Hilfe bekommen konnte. Ja, vor dem Internet war dies weitaus schwieriger, schließlich konnte man ja schlecht in die Bücherei gehen und fragen: „Was gibt es denn alles so für Bücher über Transsexualität?“, ohne sich dabei zu outen. Das Menschen mit Transsexualität heute öfters in Erscheinung treten, liegt vor allem daran, dass viele Betroffene sich inzwischen trauen darüber zu reden und sich medizinische Hilfe suchen und daran, dass von den jüngeren Generationen noch mehr am Leben sind als bei den älteren.

Wer möchte, dass alles so wie früher wird, der möchte auch, dass Menschen weiter leiden und sterben.

Vor allem bin ich Sprüche leid, wie: „Ich habe ja nichts gegen Menschen mit Transsexualität, aber man muss es ja nicht öffentlich zeigen.“ Was möchte man mir mit solchen Kommentaren sagen? Soll man Menschen wie mich wegsperren oder gleich ermorden. Mich macht so etwas wütend, vor allem, dass solche Kommentare in den seltensten Fällen von der Administration gelöscht werden und wenn man diese meldet, bekommt man noch als Antwort, das der Kommentar nicht gegen die Richtlinien verstößt. Genauso gut könnten jene Vollhonks auch sagen: „Ich habe nichts gegen dunkelhäutige Menschen, aber man muss es ja nicht öffentlich zeigen.“ Dieser Vergleich soll verdeutlichen wie dumm solche Aussagen sind, leider wird die Menschenfeindlichkeit gegen Personen mit Transsexualität in den Foren und Kommentarspalten von Beiträgen sehr oft von den Moderatoren toleriert. Ich wünschte, man würde gegen die transfeindlichen Hasskommentare genauso vorgehen, wie gegen rassistische Hasskommentare. Solange solche menschen verachtende Hasskommentare flächendeckend toleriert werden, solange werden auch Betroffene in Angst leben, werden auch weiterhin Menschen an den Folgen sterben.

Und ich wiederhole es noch einmal! Wenn ich über Transsexualität spreche, dann rede ich von Symptomen im Körper und nicht von Kleidung, Hobbys oder sonstigen Geschlechterklischees. Natürlich ist die Identität eines Menschen auch ein wesentlicher Bestandteil seines Mensch-seins und viele Betroffene mit Transsexualität haben es auf schmerzhafte Art und Weise selbst erfahren, was es bedeutet über viele Jahre ihres Lebens mit einer falschen Identität zu leben, nur weil ihnen bei der Geburt das falsche Geschlecht zugewiesen wurde. Das verwenden von falschen Pronomen, sowie die Erwähnung des alten Namens, kann für Betroffene sehr schmerzhaft sein, da mit diesen Worten großes Leid verbunden ist. Doch die Ursache für Transsexualität ist immer von organischer Natur, auch dann, wenn wir die Ursache nicht kennen und nicht nachweisen können.

Um überhaupt bei Transsexualität medizinische Hilfe zu bekommen, sind verschiedene Hürden zu überwinden. Die erste Hürde dürfte wohl das Outing sein. Aufgrund der nach wie vor bestehenden Ächtung von Transsexualität haben viele Betroffene vor ihrem Outing oft ein geringes Selbstwertgefühl. Bei mir war es so, dass ich mich schämte, für das, was ich bin. In der medialen Berichterstattung wird Transsexualität auf Kleidung und MakeUp reduziert und somit mit Transvestismus gleichgesetzt. Man spricht Menschen ihre körperlichen Symptome ab, und verleugnet den Leidensdruck dadurch, dass man das Phänomen als eine Art Lebensweise deklariert. Nicht nur, dass hierdurch Vorurteile weiter gestärkt werden und ein falsches Bild in der Öffentlichkeit erzeugt wird. Auch führt dies dazu, dass Betroffene, welche unter ihren Körper leiden, dieses Leid als etwas unnormales einstufen, da dessen Existenz in den Medien nach wie vor geleugnet wird. Selbst zu glauben, man sei nicht normal, ist einer der schlimmsten Glaubenssätze denen man aufliegen kann. Dieser Gedanke führt dazu, dass sich Betroffene immer weiter aus dem öffentlichen Leben zurück ziehen bis hin zur sozialen Isolation, worauf oft Depressionen folgen, mitunter auch Suizidgedanken.

Daher ist Aufklärung so wichtig, denn sie kann Menschenleben retten.

Beim Outing ist es schwierig seinen Mitmenschen zu erklären, dass man nicht die Person ist, für die man all die Jahre gehalten wurde. Gerade für Familienangehörige kann dies mitunter nur schwer zu verstehen sein. Vielleicht sollte man es hier vermeiden sich gegenseitig Vorwürfe zu machen, wie: „Warum hast du nicht schon früher etwas gesagt.“

Auf jeden Fall sollte man Sprüche wie diese hier vermeiden: „Hast du dir das wirklich gut überlegt.“, oder; „Du musst ja wissen was du willst.“ Ja, solche Kommentare hört man des Öfteren. Zur Erinnerung, bei Transsexualität handelt es sich um körperliche Symptome. Ich möchte es dennoch mal veranschaulichen, stell dir vor du sagst zu jemanden: „Ich habe Kopfschmerzen und gehe deswegen zum Arzt.“ Und diese Person antwortet dir: „Hast du dir das wirklich gut überlegt.“ Was soll man darauf antworten?
Nein, natürlich hat man sich das nicht überlegt, man hat ein körperliches Problem und braucht Hilfe. Solche Aussagen und ich höre sie noch oft, zeigen mir deutlich, dass meine Mitmenschen mich nach wie vor nicht verstanden haben.

Man outet sich mal nicht so nebenbei. Dem Outing geht oft ein jahrelanger innerer Kampf mit sich selbst voraus. Bei mir und auch bei vielen anderen erfolgte das Outing erst kurz vor der maximalen Eskalationsstufe. 2015 war ich kurz davor mir selber etwas anzutun. Ich wollte mein Leid beenden, selbst, wenn dies auch mein Ende wäre. Alles war damals besser, als mein körperlicher Zustand. Und erst dieser eine Klickmoment, an dem ich bereits mit meinem Leben abgeschlossen hatte, gab mir die Kraft es durch zuziehen. Ich habe mich für das Leben entschieden und das hat nichts mit Mut zu tun, sondern war ein Akt der Verzweiflung. Denn ich wollte leben. Übrigens, oft wird mir gesagt, dass man mich für meinen Mut zum Outing bewundert; ich finde es schlimm, dass es überhaupt Mut zum Outing braucht, dass sagt viel über unsere Gesellschaft aus!

Hat man das Outing überwunden, fängt die nächste Hürde an. Denn obwohl man ein körperliches Problem hat, wird die medizinische Hilfe erst einmal verwehrt. Erst wenn man eine Indikation von einem Psychologen bekommt, hat man eine Chance auf entsprechende Hilfe. Mitunter scheitern schon einige daran, dass sie keinen Psychologen/Psychotherapeuten finden, welcher sich ihrer annimmt. Es kommt vor, dass Betroffene keinen Psychologen in ihrer Nähe finden, und sich die Fahrten zu einem weit entfernten Psychologen nicht leisten können. Für manche dieser Menschen ist dies das Todesurteil.

Hat man einen Psychologen gefunden, was teilweise über ein Jahr dauern kann, muss man den Psychologen davon überzeugen, dass man wirklich an Transsexualität leidet. Dabei ist die sprachliche Barriere zwischen den Patienten und dem Psychologen oft unüberwindbar. Viele Psychologen (meines Wissens scheint dies nahezu alle Psychologen zu betreffen) gehen von einer Identitätsstörung aus. Selbst wenn man den Psychologen sagt, dass man körperlich leidet, wird dies umgedeutet in; „fühlt sich dem anderen Geschlecht zugehörig“, oder; „wünscht sich…“ usw.
Es ist wirklich zum verzweifeln und ich weiß nicht woran es liegt, entweder können sie es nicht verstehen oder sie wollen es nicht.

Und mich nicht missverstehen. Ich halte eine psychologische Betreuung bis zum Abschluss der medizinischen Maßnahmen durchaus für sinnvoll, solange diese auf Freiwilligkeit beruht. Jedoch gibt es aufgrund unserer Vorschriften derzeit keine psychologische Betreuung für Menschen mit Transsexualität.
Klingt paradox, nicht wahr, wo doch eine Psychotherapie bei uns vorgeschrieben ist. Nicht vergessen, ohne die Indikation vom Psychologen erfolgt auch keine weitere Behandlung, die medizinische Hilfe wird dann den Betroffenen verwehrt. Es ist ein reines Abhängigkeitsverhältnis, und solange man auf die Indikation vom Psychologen hofft, kann man auch nicht frei reden. Da kann der Psychologe tausendmal beteuern, dass er meine Entscheidungen in keinster Weise einschränken will und mir nicht im Wege stehen möchte. Solange ich nicht die Indikation habe, ist meine Entscheidungsfreiheit eingeschränkt und der Psychologe steht mir dabei im Weg. Ich hatte Glück mit meinen Psychologen, er gab zu, dass er das Phänomen nicht versteht, und er mir wirklich nicht im Wege stehen wollte. Doch ich kenne auch andere Fälle, jene, welche über Jahre zum Psychologen gehen, ohne jemals die Indikation zu erhalten. Erst Ende letzten Jahres traf ich eine Frau, welche sich etwa zur selben Zeit geoutet hatte. Bei mir stand, bereits der OP-Termin fest, während sie, nach drei Jahren immer noch auf die Indikation für die Hormonbehandlung wartete. Und was hat dieses Hinauszögern jener Patientin gebracht? Ich will es euch nicht vorenthalten: Im letzten Jahr vier Suizidversuche, schwere Depressionen, Arbeitsunfähigkeit. Jene Person hatte sich scheinbar nach den Jahren der psychotherapeutischen Behandlung bereits selbst aufgegeben. Ich habe seit dem auch nichts mehr von ihr gehört. Scheinbar scheint kein Psychologe zu verstehen, was Transsexualität überhaupt ist. In Folge dessen sortieren sie aus, wer Leben darf und wer nicht. Um es noch einmal in aller Deutlichkeit zu sagen:

Aufgrund des Abhängigkeitsverhältnis zu den Ärzten ist ein Vertrauensverhältnis kaum möglich.

Die wenigsten geben dies zu, doch es ist meine persönliche Erfahrung und ich bin sicherlich nicht die einzige. Ich weiß von einigen Betroffenen, welche bei zwei Psychologen in Behandlung sind. Einen für die Indikation, welcher von der Krankenkasse bezahlt wird und einen, mit dem Sie über alles reden können, ohne sich dabei Sorgen zu müssen, dass man ihnen dadurch die Indikation verweigert. Den zweiten bezahlen sie aus ihrer eigenen Tasche, doch dass kann sich nicht jeder Leisten.

Erst kürzlich erzählte mir eine junge Frau unter Tränen, dass ihre Psychologin nach über einem Jahr psychotherapeutischer Behandlung bedenken hat, eine Indikation auszustellen, welche die Voraussetzungen für die medizinische Versorgung ist. Nicht nur, dass sie hier durch ein ganzes Jahr verloren hat, auch ist sie jetzt wieder auf der Suche nach einem neuen Psychologen. Nun steht sie auf einer Warteliste mit mehr als neun Monaten bis sie einen neuen Termin beim nächsten Psychologen bekommt. Inzwischen schreitet die Vermännlichung ihres Körpers immer weiter voran. Sie sagte mir, dass sie inzwischen Angst habe auf die Straße zu gehen, aufgrund ihrer immer stärker werdenden maskulinen Erscheinung. Die Verweigerung der medizinischen Versorgung durch die Psychologin bedeutet für diese Frau soziale Isolation, Depression und irreversible körperliche Schäden unter denen sie den Rest ihres Lebens leiden wird. Womöglich werden noch Jahre vergehen, bis diese Frau medizinische Hilfe erhält. Vielleicht ist es bis dahin schon zu spät.

Einer Frau die medizinische Hilfe vorzuenthalten und somit die Vermännlichung ihres Körpers wohl wissend in Kauf zu nehmen ist Körperverletzung.

Die komplette Diagnostik bei Transsexualität beruht nach wie vor auf Geschlechterklischees, wie Kleidung, MakeUp, Hobbys und so weiter. Nach wie vor scheint der Wille zu fehlen, zu verstehen, worum es bei diesem Phänomen wirklich geht.

Natürlich soll hier auch die andere Seite nicht unerwähnt bleiben. Ja, es gibt Menschen, die behaupten sie hätten Transsexualität, haben es aber nicht. Es gibt Menschen, die fangen medizinische Maßnahmen an und bereuen diese hinterher. Vor diesem Hintergrund, kann ich nachvollziehen, dass man bestimmte Kontrollmechanismen haben möchte, damit nicht jemand voreilig handelt und es später wieder bereut.

Dann Frage ich jetzt einmal anders herum: Erfüllen diese Kontrollmechanismen ihren Zweck?

Zunächst muss man verstehen, warum es überhaupt Menschen gibt, welche nicht an Transsexualität leiden und dennoch eine hormonelle oder chirurgische Behandlung wünschen. Erst einmal betrifft dies nur einen geringen Prozentsatz, denn die wenigsten bereuen hinterher die Behandlungen. Bei den meisten stellt sich eine deutliche Verbesserung ihrer Lebensqualität ein. Doch der Hauptgrund, warum es überhaupt Menschen gibt, welche Maßnahmen zu einer Körperangleichung anstreben, obwohl sie körperlich nicht leiden ist mangelnde und falsche Aufklärung.

Vor allem Ärzte legen sich hier ihr Kuckucksei selbst ins Nest. Schließlich sind sie es, welche behaupten, man könne sein Geschlecht durch medizinische Maßnahmen verändern. Und die Medien greifen diesen Irrglauben nur allzu gerne auf. Überall wird inzwischen vom großen Zauberer gesprochen, welcher aus Männer Frauen macht und aus Frauen Männer. Kaum ein Tag vergeht, an dem ich nicht irgendwo mit einem Artikel konfrontiert werde, in dem steht: „War einmal ein Mann.“, „War einmal eine Frau.“ usw. Ja, solche Geschichten sind gut für die Quote und bringen den Medien Geld. Um Aufklärung geht es dabei nie, stattdessen führt man Betroffene wie in einer Freakshow vor. Schaut euch einmal Fernsehsendungen über Frauen mit Transsexualität an, in wie vielen davon wird ein Lippenstift gezeigt. Versteht ihr, was ich meine?

Und noch einmal zur Erinnerung: Wenn ich von Transsexualität spreche, dann meine ich damit körperliche Symptome. Etwas was die Betroffenen in ihren Körper spüren, es aber nicht mit Worten beschreiben können, weil es dafür keine Worte gibt.

Kleidung und Hobbys bestimmen nicht das Geschlecht.

Da die Diagnostik jedoch auf Geschlechtsklischees wie Kleidung und Hobbys beruht, werden jene Menschen, welche nicht an Transsexualität leiden darin bestärkt, auch medizinische Maßnahmen in Anspruch zu nehmen, welches sie weder wollten, noch benötigten. Wer wegen Transsexualität zu einem Arzt geht, wird erst einmal zu Psychologen geschickt. Außenstehende werden dies nicht wissen, doch es lastet ein enormer Druck auf den Betroffenen dem Arzt zu beweisen, dass man Transsexualität hat. Dabei ist es egal, ob man an Transsexualität leidet oder nicht. Ich weiß von Menschen, welche die medizinischen Maßnahmen in Anspruch genommen haben, nur um den Arzt zu beweisen, dass sie es ernst meinen. Daher finde ich es sehr wichtig, dass man den Druck der Beweispflicht des Patienten gegenüber des Arztes beseitigt und stattdessen anfängt über die Symptome zu reden und wie man den Betroffenen am besten helfen kann.

Schaut euch einmal Videos von Menschen an, die eine sogenannte „De-Transition“ gemacht haben. Wie sehr liegt bei ihnen der Fokus auf geschlechtlicher Identität, wie sehr deuten sie das Geschlecht anhand von Körpermerkmalen? Und wer ist daran schuld? Ach ja, der Psychologe, der hätte es ja wissen müssen. Nein!!! Da es bei Transsexualität um körperliche Symptome geht, kann kein Arzt der Welt überprüfen, ob ein Mensch daran leidet oder ob dieser nur behauptet daran zu leiden. Es ist genau wie bei Kopfschmerzen, eine reine Selbstdiagnose. Und ja, auch Jugendliche können bereits vor ihrer Pubertät aussagen über ihren Körperzustand treffen. Tatsächlich habe ich es inzwischen bereits mehrfach erlebt, dass Menschen von medizinischen Maßnahmen wieder Abstand nahmen, nachdem sie entsprechend aufgeklärt wurden. Es sind eben jene Menschen, welche kein körperliches Leid haben, die immer wieder Fordern, wir brauchen längere Wartezeiten, es muss strenger Kontrolliert werden. Ja, wenn ein Mensch nicht unter seinen Körperzustand leidet, dann macht diesen es auch nichts aus, drei Jahre bei einem Psychologen die Zeit abzusitzen bis zum Beginn der Hormonbehandlung. Während bei Menschen mit Transsexualität diese Jahre fatale irreversible Folgen haben können, von denen sie sich womöglich nie wieder erholen. Wenn die Entscheidung über die medizinischen Maßnahmen bei den Betroffenen selbst liegt und der Zwang zur Beweispflicht gegenüber dem Arzt entfällt, dann kann auch ein Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient hergestellt werden, und man kann sich dann mit dem körperlichen Problemen befassen.

Dazu ist es aber auch wichtig, dass Menschen entsprechend aufgeklärt werden, dass Transsexualität etwas Körperliches ist und nichts Psychisches. Das Menschen mit Transsexualität medizinische Hilfe brauchen, weil sie körperlich Leiden und nicht, weil sie diese oder jene Kleidung tragen wollen. Ich glaube, ich kann dies tausendmal sagen und über 99 % werden es dennoch nicht verstehen. Wahrscheinlich werde ich mich jetzt in den nächsten Sätzen wiederholen, doch anders geht es nicht, denn nach wie vor fehlt bei vielen der Wille zuzuhören.

Das Geschlecht ändert sich weder durch eine Hormonbehandlung, noch durch eine Operation.

Zur Sicherheit noch einmal:

Das Geschlecht ändert sich weder durch eine Hormonbehandlung, noch durch eine Operation.

Eigentlich selbstverständlich, dennoch erwähne ich es Sicherheitshalber auch:

Auch durch das wechseln der Kleidung verändert sich nicht das Geschlecht.

Das Problem wird zum einen dadurch verursacht, dass Ärzte glauben, das Geschlecht eines Menschen von außen zu deuten. So sprechen sie vom eindeutigen Geschlecht, oder auch vom biologischen Geschlecht. Doch der menschliche Körper besteht aus einer Vielzahl von Geschlechtsmerkmalen; wie Hirnanhangsdrüse, Hormonbalance, Fortpflanzungsorganen, Chromosomen, Gene, Hypothalamus… usw. Derweil sind bis heute noch nicht alle Faktoren bekannt, welche die Geschlechtsentwicklung beeinflussen. Sich irgendein Körpermerkmal heraus zu picken und daran das Geschlecht festzumachen ist bei unserer Komplexität des Körpers unsinnig. Aber viele Menschen brauchen ein einfaches Weltbild, da sie mit komplexen Sachverhalten überfordert sind.
Man stelle sich einmal vor, man würde das Geschlecht eines Menschen anhand der Schuhgröße bestimmen. Alle Menschen mit einer Schuhgröße von unter 42 sind Frauen und alle Menschen mit einer Schuhgröße von über 42 sind Männer. Statistisch gesehen wird dies sogar auf die allermeisten Frauen und Männer zutreffen. Aber eben nicht auf alle. Natürlich gibt es auch Männer mit der Schuhgröße die kleiner ist als 42 und auch Frauen bei den diese Größer ist. Und was wäre dann mit Menschen, deren Schuhgröße genau 42 ist, haben diese dann Intersexualität, oder ist 42 die Antwort auf alles? Wurde jemals einem Menschen die Zehen gegen seinen Willen amputiert, nur weil dieser Mensch die Schuhgröße 42 hatte.

„Hey Jessi, was erzählst du da gerade für ein Unsinn?“, mag sich jetzt der eine oder andere berechtigter Weise fragen. Dieser Unsinn ist leider Realität, denn wenn man das Geschlecht von bestimmten Körpermerkmalen abhängig macht und dabei die Komplexität des menschlichen Körpers außer Acht lässt, dann kommt genau sowas dabei heraus. Dann fängt man an unnötige Operationen an Kleinkindern mit Intersexualität durchzuführen, im Irrglauben, man könnte ihnen dadurch ein Geschlecht zuweisen. (Viele Menschen mit Intersexualität leiden den Rest ihres Lebens erheblich unter diesen Eingriffen.)

Ärzte deuten das Geschlecht eines Menschen von außen und erzählen ihren Patienten, was ihr biologisches Geschlecht sei, sowie das Märchen von der abweichenden Geschlechtsidentität. In den Medien werden dann solche abenteuerlichen Geschichten dann immer und immer wieder aufgegriffen, während man gleichzeitig Menschen mit Transsexualität ihre medizinische Versorgung verwehrt, bzw. hinauszögert und somit nicht nur das Leid verlängert, sondern auch irreversible Schäden in Kauf nimmt.

Bei Menschen mit Transsexualität weichen bestimmte Körpermerkmale vom eigenen Geschlecht ab. Eine Frau mit Transsexualität ist eine Frau, welche mit männlichen Körpermerkmalen geboren wurde. Sie war bereits von Geburt an weiblich. Ein Mann mit Transsexualität, ist ein Mann, welcher mit weiblichen Merkmalen geboren wurde. Auch dieser Mann war bereits von Geburt an männlich. Wenn anhand der abweichenden Merkmale das Geschlecht bestimmt wird, dann beruht die Deutung des Geschlechts nach der Geburt auf einen Irrtum. Und noch einmal: Bei Transsexualität geht es um körperliche Symptome, um körperliches Leid. Diese Symptome können von Mensch zu Mensch unterschiedlich sein, da es nicht die eine Transsexualität gibt, sondern eine Vielzahl an Varianten in der Geschlechtsentwicklung. Menschen mit Transsexualität wissen es, auch wenn sie dies aufgrund der sprachlichen Barriere anderen Menschen nur sehr schwer erklären können, woher sie es wissen. Wie willst du einem Menschen erklären, wie sich Durst anfühlt, wenn dieser Mensch nie erlebt hat, was Durst ist? Das einzige was dieser Mensch wissen kann, ist, dass er keinen Durst hat. Genauso kann ein Mensch, welcher nicht selbst an Transsexualität leidet nicht wissen, wie es sich anfühlt Transsexualität zu haben. Was er weiß ist, dass er keine Transsexualität hat.

Menschen mit Transsexualität die medizinische Versorgung zu verwehren oder hinauszuzögern ist Körperverletzung und kann zu bleibenden Schäden führen, mitunter mit tödlichem Ausgang. Betroffene Menschen, welche zu spät die nötige Hilfe bekommen und erst eine falsche Pubertät durchlaufen müssen, bleiben aufgrund der Körperlichen Veränderung oft für ihr Leben gezeichnet. Vor allem richtet Testosteron bei Frauen verheerende Schäden an. Sie werden mitunter Zeit ihres Lebens im öffentlichen Raum auffallen, da die maskulinen Körpermerkmale herausstechen und die Transsexualität für Außenstehende ersichtlich ist. So kommt es neben dem körperlichen Leid auch oft zu Ausgrenzung, Diskriminierung und Hassverbrechen. Das immer noch Menschen an den Folgen von Transsexualität sterben liegt vor allen an ihrer gesellschaftlichen Ächtung, der mangelnden medizinischen Versorgung, Unwissenheit wie auch mangelhafte Aufklärung, sowie Intoleranz und staatliche Diskriminierung. Würde man Betroffenen Menschen endlich einmal zuhören, ohne ihre Worte dabei ständig umzudeuten, so könnte man noch einige Menschenleben retten. Doch dazu muss es auch erst einmal den entsprechenden Willen geben dies umzusetzen. Leider sehe ich in diesen Punkten keine wirklichen Verbesserungen in absehbarer Zeit, was bedeutet, dass auch weiterhin Menschen an den Folgen sterben werden.

Dabei habe ich noch Glück im Unglück gehabt. Ich habe die Transsexualität überlebt, manch andere nicht.

 

Ein Text von Jessica Noir, freundlich von ihr zur Verfügung gestellt
Das Original ist hier zu finden.

 

 

 

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Über Christin Löhner 116 Artikel
Christin Löhner ist selbst eine Frau mit transsexueller Vergangenheit. Vergangenheit deshalb, weil sie sämtliche Operationen hinter sich hat und ganz im weiblichen Körper angekommen ist. Sie ist die Gründerin und Leiterin der einzigen Selbsthilfeinitiative zum Thema Transsexualität im Bereich Hegau, Schwarzwald-Baar-Kreis, Allgäu und Bodenseekreis, der Trans* SHG Hegau. Sie ist Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V. und begleitet und berät weit über hundert transsexuelle Menschen Deutschland weit mit Tipps und Infos zum Passing, zur Rechtslage, zum Transsexuellengesetz, den Operationen, sowie Mode- und Stilberatung und Makeup-Workshops. Durch ihre Arbeit und ihr soziales Engagement, ihre Vorträge und Seminare zum Thema geschlechtliche Vielfalt, Transsexualität, Transphobie, Toleranz, Mobbing und Diskriminierung an Unis, Schulen und sozialen Einrichtungen, versucht sie sich für ihre Mitbetroffenen einzusetzen und stemmt sich vehement gegen Ungerechtigkeit, Mobbing und Diskriminierung. Auch mit Dokumentationen im Fernsehen, Zeitungen und Radio setzt sie sich immer wieder für die Rechte von transsexuellen Menschen ein und klärt die Öffentlichkeit über dieses Thema auf. Bloggerin, Webentwicklerin, Linux- und Serveradmin, Coffee Junkie, Trans*Beraterin, Trans*Begleiterin, Transgender, Transfrau, MzF

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