Eine Variante der Geschlechtsentwicklung – Was ist Transsexualität und was ist es nicht?

Selbst in der eigenen Community, also unter den transsexuellen Menschen, herrscht Uneinigkeit und Zwistigkeit hinsichtlich Formulierungen und Definitionen. Dies geht so weit, dass sich zwei Lager gebildet haben, die sich regelmäßig in den sozialen Netzwerken bekriegen. Das sorgt natürlich dafür, dass man uns, die tatsächlich betroffenen Menschen, in der Öffentlichkeit nicht ernst nimmt und belächelt. Wir werden als pervers abgestempelt, oder als Transvestiten, die sich wegen eines Fetisches “umbauen lassen” wollen.

Um die Öffentlichkeit – und vor allem den 0815-Normalbürger – auf dieses Thema aufmerksam zu machen, diese Vorurteile endlich zu beseitigen, endlich klar zu stellen, was Transsexualität eigentlich ist und was für einem Leidensdruck betroffene Menschen unterworfen sind, ist es meines Erachtens zwingend notwendig, zuerst einmal innerhalb der eigenen Reihen für Klarheit und vor allem Einigkeit zu sorgen. Nur dann können wir geschlossen an einem Strang ziehen und gemeinsam unsere Ziele und Rechte durchsetzen.

Achtung: Diese Abhandlung stellt meine eigene Meinung dar. Nach vielen Gesprächen und dem Wälzen von anderen Abhandlungen, Studien und auch Definitionen von Begriffen, komme ich zu diesem Schluss. Ob er auch auf dich Verwendung findet, musst Du entscheiden. Es ist einfach ein Versuch, die Unstimmigkeiten in der Community zu beseitigen und die Lager wieder vereinen, so dass wir gemeinsam auftreten können und gemeinsam für unsere Rechte kämpfen können, ohne die Öffentlichkeit noch mehr zu verwirren.

Worin ist aber diese Uneinigkeit begründet? Was sorgt dafür, dass sich die Community so spaltet und beinahe schon gegeneinander arbeitet?

Formulierungen

Einige von uns nennen sich Transmänner oder Transfrauen. Viele nennen sich Männer oder Frauen mit transsexuellem Hintergrund. Wieder andere sagen von sich, sie seien einfach nur Frauen oder Männer. Es gibt Trans*Frauen, trans* Frauen und Trans-Frauen. Das Gleiche gilt für die *Männer. Dann gibt es die transsexuellen, die transidenten, die Transgender, die ladyboys, die shemales… und… und… und… Aber was ist nun richtig???

Selbst hier gibt es schon zwei Lager: Die einen sagen, es ist egal. Jeder Mensch soll sich selbst so nennen wie er will oder sich fühlt. Die anderen möchten vorschreiben, was richtig und was falsch ist.

Definitionen

Die einen sagen, es sei ein Gefühl im falschen Körper zu stecken. Die anderen sagen, es sei eine Identität. Manche behaupten gar, es sei ein soziales Konstrukt. Wieder andere sagen, es sei eine ganz normale und natürliche Varianz.

Egal, wie das Kind nun heißt, es handelt sich alles um ein und dasselbe Problem. Doch was ist es eigentlich tatsächlich?

Ein Versuch alles unter einen Hut zu bringen und die Lager zu vereinen

Die Definition

Zunächst einmal sollten wir uns auf einen Begriff bzw. eine Definition einigen. Doch ist es nun Transsexualität, Transidentität oder Transgender? Oder ist es gar eine Variante von Intersexualität?

Transidentität

Hierzu gibt es bereits sehr viele Neurowissenschaftliche Abhandlungen und Studien. Und wer bin ich denn, dass ich evidenzbasierte medizinische und wissenschaftliche Studien anzweifeln wollte? Eine Sache kristallisiert sich da relativ deutlich heraus:

Egal wie man es nennt, es ist ein *körperlicher* Zustand. Ein Zustand, der nichts mit Erziehung, Erlebnissen oder sozialen Ereignissen zu tun hat. Es ist kein identitäres Problem, sondern ein Zustand, das sich bereits vor der Geburt, im Körper des Fötus, aufgrund von hormonellen Schwankungen entwickelt.

Unser Zustand oder Problem oder wie man es auch immer nennen möchte, hat nichts mit unserer Identität zu tun. Die Identität ist etwas, womit ich mich identifiziere. Die Identität ist etwas, was ich nach außen hin präsentiere. Die Identität kann sich vor allem auch aufgrund sozialer Konstrukte oder Ereignisse verändern.

Ich zitiere hier gerne mal die deutsche Wikipedia:

Identität (von mittellateinisch identitas, Abstraktum zu lateinisch īdem ‚derselbe‘)[1] ist die Gesamtheit der Eigentümlichkeiten, die eine Entität, einen Gegenstand oder ein Objekt kennzeichnen und als Individuum von allen anderen unterscheiden. In ähnlichem Sinn wird der Begriff auch zur Charakterisierung von Personen verwendet. Dabei steht psychologisch und soziologisch im Vordergrund, welche Merkmale im Selbstverständnis von Individuen oder Gruppen als wesentlich erachtet werden. So folgt die rechtliche Identitätsfeststellung den für Inklusion und Exklusion relevanten Markern moderner bürgerlicher Gesellschaften.

Unser Zustand oder Problem hat definitiv nichts mit unserer Identität zu tun.

Aber in Folge unseres Zustandes, also als Konsequenz aus dieser körperlichen Entwicklung heraus, kann sich natürlich unsere Identität ändern. Aufgrund unserer Geschlechtsinkongruenz verändert sich das, was wir nach außen hin, als Identität sichtbar machen, psychologisch und soziologisch.

Demnach fällt die Bezeichnung Transidentität weg.

Transgender

Ist es dann Transgender? Auch hier zitiere ich einfach noch mal die deutsche Wikipedia:

Gender (englisch gender ˈdʒɛndɐ, „soziales Geschlecht“) ist ein Begriff in den Sozialwissenschaften und bezeichnet Geschlechtseigenschaften, welche eine Person in Gesellschaft und Kultur beschreiben. […] Es beschreibt die nicht an biologische Merkmale gebundenen Geschlechtsaspekte der Menschen.

Wir sind uns sicher einig, dass, wenn wir den wissenschaftlichen und medizinischen Studien Glauben schenken wollen, Transgender definitiv die falsche Bezeichnung für unseren Zustand ist.

Transsexualität

Bleibt noch die Bezeichnung Transsexualität. Hat unser Zustand etwas mit unserer Sexualität zu tun? Was ist Sexualität? Die deutsche Wikipedia sagt dazu:

Im sozio- und verhaltensbiologischen Sinne bezeichnet der Begriff die Formen dezidiert geschlechtlichen Verhaltens zwischen Geschlechtspartnern. […] Im weiteren Sinn bezeichnet Sexualität die Gesamtheit der Lebensäußerungen, Verhaltensweisen, Empfindungen und Interaktionen von Lebewesen in Bezug auf ihr Geschlecht. Zwischenmenschliche Sexualität wird in allen Kulturen auch als ein möglicher Ausdruck der Liebe zwischen zwei Personen verstanden.

Nein, unser Zustand hat mit Sicherheit auch nichts mit unserer Sexualität zu tun.

Übrigens ist es wohl ein Kuriosum, warum man landläufig Transsexualität mit der Sexualität (siehe oben) in Verbindung bringt, Intersexualität aber nicht. Bei Intersexualität sagt man nicht, es habe mit der Sexualität oder gar sexuellen Orientierung zu tun. Bei Intersexualität besteht bei den meisten Menschen kein Zweifel daran, was es ist und was gemeint ist. Woran liegt das?

Was haben wir bis jetzt? Wir haben (sicherlich auch evidenzbasierte) wissenschaftliche und medizinische Studien und Abhandlungen die belegen, dass unser Zustand körperlicher Natur ist, weil es durch hormonelle Schwankungen im Mutterleib entsteht.

Intersexualität

Intersexualität ist die offizielle Bezeichnung für eine bestimmte Variante der körperlichen Entwicklung des Fötus im Mutterleib. Intersexuelle Menschen werden mit einem Körper geboren, deren Genitalien, Gonaden, Chromosomen und/oder Hormone den medizinischen Geschlechterrollen von Mann und Frau widersprechen, etwa eine wesentlich größere Klitoris, innen liegende Hoden, Ovarien die vermehrt Androgene produzieren, ein unerwarteter Chromosomensatz, ein Mikropenis, eine Harnröhre die unter dem Penis oder durch die Klitoris verläuft, das Fehlen eines Vaginalkanals oder eines Uterus. Es ist eine normale Variante der Geschlechtsentwicklung.

Worin besteht dann nun eigentlich unser Zustand?

Laut eben dieser (sicher auch evidenzbasierten) medizinischen und wissenschaftlichen Studien und Abhandlungen und in diesem Zusammenhang vor allem auch laut A.-M. Bao und D. F. Swaab (2011):

Wir wissen, dass sich die äußeren Genitalien und das Gehirn zu unterschiedlichen Zeiten entwickeln. Die äußeren Genitalien entwickeln sich bereits in den ersten 6 bis 12 Schwangerschaftswochen und können sich in männlicher oder weiblicher Form entwickeln. Wenn sich die Genitalien unter dem Einfluss des Androgen-Testosterons entwickeln, werden sie männlich. Wenn dieser Einfluss nicht zustande kommt, entwickeln sie sich weiblich. Im Vergleich dazu entwickelt sich das Gehirn erst in der zweiten Phase der Schwangerschaft, also ab der 12. Schwangerschaftswoche und steht ebenfalls unter dem Einfluss von Androgen. Wenn zur Zeit der Entwicklung des Gehirns ein hoher Androgengehalt vorliegt, wird es vermännlicht, wenn nicht, wird es verweiblicht. Es ist also klar, dass sich Gehirn und äußere Genitalien unabhängig voneinander entwickeln können.

Im Prinzip, in abgewandelter Form, also eine Entwicklung, ganz wie die der Intersexualität.

Demnach ist unser Zustand tatsächlich eine Variante von Intersexualität bzw. ebenfalls wie Intersexualität, eine Variante der Geschlechtsentwicklung.

Oder, wie es die WHO in ICD11 festgeschrieben hat: Eine Geschlechtsinkonguenz.

Alle anderen Begriffe wie Transsexualität, Transidentität oder auch Transgender, sollten wir vermeiden um in der Gesellschaft und beim Otto-Normalverbraucher keine Verwirrung zu stiften. Zudem sie per Definition einfach falsch sind.

Die Formulierung

Bin ich nun also eine Transfrau, Trans*Frau, trans* Frau, Frau mit transsexuellem Hintergrund oder einfach nur eine Frau?

Wir wissen nun, wir sind weder transsexuell, noch transident. Wir sind auch keine transgender. Wir sind Menschen, die vor der Geburt eine Variante der Geschlechtsentwicklung durchgemacht haben und deshalb ein bewusstes Geschlecht haben, das von den sichtbaren Geschlechtsmerkmalen abweicht.

Ich kenne keinen intersexuellen Menschen, der sich Intermann oder Interfrau nennt. Und er ist auch kein Mensch mit intersexuellem Hintergrund. Er ist ein Mensch, wie jeder andere auch.

Und genau so sollten wir Menschen mit Geschlechtsinkonguenz ebenfalls von uns sprechen. Wir sind einfach nur Menschen. Männer, Frauen oder welches Geschlecht auch immer. Wir sind aber keine Transfrauen oder Transmänner.

Euch wird sicher aufgefallen sein, dass ihr hier auf r3y.de seid. Euch wird sicher auch aufgefallen sein, dass ich in vielen Beiträgen in diesem Blog und auch auf der Startseite, mich selbst immer als Transfrau oder als Frau mit transsexuellem Hintergrund bezeichnet habe.

Ja, auch ich bin natürlich einem gewissen Lernprozess unterworfen und lerne immer und gerne Neues dazu. In diesem Fall habe ich selbst auch erst lernen müssen, das es deutlich sinnvoller ist, von mir nicht als Transfrau oder Ähnliches zu sprechen, sondern einfach nur als Frau. Ich werde dies natürlich auch hier im Blog entsprechend ändern. Dies wird allerdings noch ein wenig dauern, weil ich auch nicht alle Zeit der Welt habe.

Fazit

Nach meinem bisherigen Artikel hier und der Erklärung verschiedener Begriffe und Formulierungen, stelle ich fest:

  • Wir leiden an einer Variante der Geschlechtsentwicklung, bzw. an einer Geschlechtsinkongruenz
    Wir leiden nicht an einer identitären Störung oder einem Problem der Sexualität! 
  • Wir sind alle nur Männer und Frauen, oder  welches Geschlecht man für sich auch immer verwenden will.
    Wir sind keine Transfrauen oder Transmänner und keine Trans*Frauen oder Trans* Männer.

 

Nun kommen wir aber zu einem besonderen Thema, das ebenfalls wichtig ist und mit den vorherigen Erkenntnissen direkt zu tun hat:

Die Öffentlichkeitsarbeit

Ich, für meinen Teil, bezeichne mich immer gerne als Aktivistin. Ich bin sehr öffentlich unterwegs und auch in sämtlichen Medien sehr aktiv. Man nennt so etwas wohl auch eine Person des öffentlichen Lebens.

Als Aktivistin, die der Öffentlichkeit dieses Thema nahe bringen will und für mehr Toleranz und Akzeptanz werben will, sowie gegen Transphobie (ich hasse dieses Wort) kämpfen will, muss ich mich ja auch oft erklären.

Ich muss mich hinstellen und den Menschen sagen, was mit mir los ist und warum nun ausgerechnet ich dazu prädestiniert bin, den Menschen etwas über Diversity und geschlechtliche Vielfalt zu erzählen.

Und genau hier fängt mein Problem an. Denn ich kann mich nicht hinstellen und sagen: “Hey, hört alle zu! Ich bin eine Frau und ich erzähle Euch nun, warum das so schwierig ist und mein Leidensweg so schwer war!”

Ich brauche einen Aufhänger. Ich brauche etwas, womit ich provoziere und polarisiere, damit man mir zuhört und mir von Anfang an glaubt, das ich auch weiß wovon ich spreche.

Und auch wenn ich sagen würde: “Hey, ich bin eine Frau mit einer Variante der Geschlechtsentwicklung!”

Was hätte das wohl für einen Erfolg?

Genau aus diesem Grund nehme ich etwas, was die meisten Menschen bereits kennen: “Transsexualität”. Ich nenne mich selbst eine “Frau mit transsexueller Vergangenheit”, denn nur dann habe ich auch die Aufmerksamkeit, die ich brauche.

Was ich dann aus dieser Aufmerksamkeit mache, das ist wieder eine andere Sache. Denn wenn ich die Aufmerksamkeit erst einmal habe, dann kann ich erklären, wie es wirklich heißt.

Ich hoffe, dieser Beitrag kann nun ein wenig dazu beitragen, die Wogen etwas zu glätten und unsere Community wieder ein wenig zu einen.

Es ist ein Versuch….

Eure
Christin

P.s.: Übrigens, ja ich weiß, dass die Wikipedia auch nicht allwissend ist. Ich selbst arbeite an der Wikipedia mit und habe dort schon viele Artikel erstellt. Deshalb weiß ich, wie pingelig und genau die es mit der Richtigkeit und der Relevanz von Artikeln nehmen und wie viele Personen über jeden einzelnen Artikel drüber schauen und diesen dann auch wieder korrigieren, immer im Einklang mit allen anderen.. Deshalb ist es äußerst unwahrscheinlich, dass sich bei solchen “einfachen” Begriffen, grobe Fehler eingeschlichen haben.

 

Referenz und Quelle:

Varianten der Geschlechtsentwicklung (von Claudia Haupt – trans-evidence)

 

 

 

 

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Über Christin Löhner 113 Artikel
Christin Löhner ist selbst eine Frau mit transsexueller Vergangenheit. Vergangenheit deshalb, weil sie sämtliche Operationen hinter sich hat und ganz im weiblichen Körper angekommen ist. Sie ist die Gründerin und Leiterin der einzigen Selbsthilfeinitiative zum Thema Transsexualität im Bereich Hegau, Schwarzwald-Baar-Kreis, Allgäu und Bodenseekreis, der Trans* SHG Hegau. Sie ist Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität e.V. und begleitet und berät weit über hundert transsexuelle Menschen Deutschland weit mit Tipps und Infos zum Passing, zur Rechtslage, zum Transsexuellengesetz, den Operationen, sowie Mode- und Stilberatung und Makeup-Workshops. Durch ihre Arbeit und ihr soziales Engagement, ihre Vorträge und Seminare zum Thema geschlechtliche Vielfalt, Transsexualität, Transphobie, Toleranz, Mobbing und Diskriminierung an Unis, Schulen und sozialen Einrichtungen, versucht sie sich für ihre Mitbetroffenen einzusetzen und stemmt sich vehement gegen Ungerechtigkeit, Mobbing und Diskriminierung. Auch mit Dokumentationen im Fernsehen, Zeitungen und Radio setzt sie sich immer wieder für die Rechte von transsexuellen Menschen ein und klärt die Öffentlichkeit über dieses Thema auf. Bloggerin, Webentwicklerin, Linux- und Serveradmin, Coffee Junkie, Trans*Beraterin, Trans*Begleiterin, Transgender, Transfrau, MzF

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